Mascha Kaléko -“Vor Heimweh nach den Temps perdus …”

Mascha Kaléko (1907 – 1975) wurde als Tochter jüdischer Eltern in Galizien geboren und wuchs in Berlin auf. Sie wurde als Dichterin bekannt und verkehrte im berühmten »Romanischen Café«. Doch 1935 erhielt Mascha Kaléko Publikationsverbot und musste mit Mann und Sohn nach New York emigrieren. Nach dem Krieg fand sie mit ihren so spielerisch eleganten wie spöttisch scharfsinnigen Texten wieder ein großes Publikum.

MK2

Mein schönstes Gedicht

Mascha Kaléko

Mein schönstes Gedicht ?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.

Das Ende vom Lied

Ich säh dich gern noch einmal, wie vor Jahren
Zum erstenmal. – Jetzt kann ich es nicht mehr.
Ich säh dich gern noch einmal wie vorher,
Als wir uns herrlich fremd und sonst nichts waren.

Ich hört dich gern noch einmal wieder fragen,
Wie jung ich sei … was ich des Abends tu –
Und später dann im kaumgebornen «Du»
Mir jene tausend Worte Liebe sagen.

Ich würde mich so gerne wieder sehnen,
Dich lange ansehn stumm und so verliebt –
Und wieder weinen, wenn du mich betrübt,
Die vielzuoft geweinten dummen Tränen.

– Das alles ist vorbei … Es ist zum Lachen!
Bist du ein andrer oder liegts an mir?
Vielleicht kann keiner von uns zwein dafür.
Man glaubt oft nicht, was ein paar Jahre machen.

Ich möchte wieder deine Briefe lesen,
Die Worte, die man liebend nur versteht.
Jedoch mir scheint, heut ist es schon zu spät.
Wie unbarmherzig ist das Wort: «Gewesen!»

 “Diese eigentümliche Mischung aus Melancholie und Witz, steter Aktualität und politischer Schärfe ist es, die Mascha Kalékos Lyrik so unwiderstehlich und zeitlos macht.”

Wiedersehen mit Berlin

mascha-kaleko

Seit man von tausend Jahren mich verbannt.Ich seh die Stadt auf eine neue Weise,So mit dem Fremdenführer in der Hand.Der Himmel blaut. Die Föhren lauschen leise.In Steglitz sprach mich gestern eine MeiseIm Schloßpark an. Die hatte mich erkannt. 

Und wieder wecken mich Berliner Spatzen!

Ich liebe diesen märkisch-kessen Ton.

Hör ich sie morgens an mein Fenster kratzen,

Am Ku-Damm in der Gartenhauspension,

Komm ich beglückt, nach alter Tradition,

Ganz so wie damals mit besagten Spatzen

Mein Tagespensum durchzuschwatzen.

 

Es ostert schon. Grün treibt die Zimmerlinde.

Wies heut im Grunewald nach Frühjahr roch!

Ein erster Specht beklopft die Birkenrinde.

Nun pfeift der Ostwind aus dem letzten Loch.

Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde?

— Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!

 

Ich such es heftig unter den Ruinen

Der Menschheit und der Stuckarchitektur.

Berlinert einer: »Ick bejrüße Ihnen!«,

Glaub ich mich fast dem Damals auf der Spur.

Doch diese neue Härte in den Mienen …

Berlin, wo bliebst du? Ja, wo bliebst du nur?

 

Auf meinem Herzen geh ich durch die Straßen,

Wo oft nichts steht als nur ein Straßenschild.

In mir, dem Fremdling, lebt das alte Bild

Der Stadt, die so viel Tausende vergaßen.

Ich wandle wie durch einen Traum

Durch dieser Landschaft Zeit und Raum.

Und mir wird so ich-weiß-nicht-wie

Vor Heimweh nach den Temps perdus …

 

Berlin im Frühling. Und Berlin im Schnee.

Mein erster Versband in den Bücherläden.

Die Freunde vom Romanischen Café.

Wie vieles seh ich, das ich nicht mehr seh!

Wie laut »Pompejis« Steine zu mir reden!

 

Wir schluckten beide unsre Medizin,

Pompeji ohne Pomp. Bonjour, Berlin!

 Drei gute Webseiten sind:-

 http://www.kaleko.ch/index.php?option=com_frontpage&Itemid=1

http://www.deutschelyrik.de/index.php/kaleko.html

http://www.dtv.de/autoren/mascha_kaleko_181.html

mascha_kaleko-9783423346719

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