“Was war das?” und “Dich” von Erich Fried

Was war das?

Ohne dich sein
ganz ohne dich

und langsam
zu vergessen beginnen
wie es mit dir war
ganz mit dir

und dann halb
halb mit und halb ohne

und ganz zuletzt
ganz ohne

Erich Fried

Dich
dich sein lassen
ganz dich

Sehen
dass du nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich losreißen
und das was sich anschmiegen will

Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurechtschneiden
amputieren
verstümmeln

Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wieviel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wieviel Liebe und mit wieviel
offener Sehnsucht nach allem –
nach allem
was du ist

Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und deinem Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit

Dann
ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer.

English notes

sich an jdn./etw. anschmiegento cling to sb./sth.

Vorbedacht=premeditated

Verstand= understood

Starsinn= headiness

to gesticulate
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gebärden

skittishness Ungebärdigkeit {f}

Stetigkeit=Continuity

 

Erich Fried – “Wollen”

Wollen

Bei dir sein wollen
Mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein

Nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund
bei dir sein wollen

In dir zärtlich zu dir sein
dich küssen von außen
und dich streicheln von innen
so und so und auch anders

Und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer tiefer
und ohne Ausatmen trinken

Aber zwischendurch Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiterküssen

Erich Fried
Wanting

Wanting to be with you
in the middle of what I’m doing
wanting to be gone
lost within you

Nothing but with you
closer than hand to hand
more intimate than lips to lips
wanting to be with you

Being tender within you
kissing you from the outside
and caressing you from within
this and that way and also differently

And wanting to inhale you
nothing but inhaling
deeper deeper
and to drink without exhaling

And while doing so searching the distance
to see you
just two hands away
and then kiss you again

Translation by Günter Ehweiner

Erich Fried was born on 6 May 1921 in Vienna. He began writing early until the German Anschluss in March 1938 transformed him “from an Austrian high school pupil into a persecuted Jew.” His father was murdered by the Gestapo, and Fried fled to London, where he helped his mother and 70 other people escape.

After the war Fried became a co-worker for numerous newly founded journals, later a commentator in German-language programs at the BBC. He gave up this position in 1968 because of the Cold War posture adopted by the BBC.

He made a name for himself with various poems and his only novel (“A soldier and a girl” 1960) and also making translations (including, among other things, the translation of almost the entire works of Shakespeare) – but also his work conflicted with public opinion on political issues, which was reflected in many of his poems. It was not until the end of his life that he received the recognition he deserved in the form of awards such as the Bremen Literary Prize, the Austrian State Prize and the Georg Büchner Prize.

Erich Fried died after a long and serious illness on 22 November 1988 and was buried at the Kensal Green Cemetery in London.