Über die Bezeichnung Emigranten-Brecht (1937)

Über die Bezeichnung Emigranten

Maurycy Minkowski "The Family"1927
Maurycy Minkowski “The Family”1927

Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab:
Emigranten.
Das heißt doch Auswandrer. Aber wir
Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluss
Wählend ein andres Land. Wanderten wir doch auch nicht
Ein in ein Land, dort zu bleiben, womöglich für immer
Sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.
Und kein Heim, ein Exil soll das Land sein, das uns da
aufnahm

Unruhig sitzen wir so, möglichst nahe den Grenzen
Wartend des Tags der Rückkehr, jede kleinste Veränderung
Jenseits der Grenze beobachtend, jeden Ankömmling
Eifrig befragend, nichts vergessend und nichts aufgebend
Und auch verzeihend nichts, was geschah, nichts verzeihend.
Ach, die Stille der Sunde täuscht uns nicht! Wir hören die
Schreie
Aus ihren Lagern bis hierher. Sind wir doch selber
Fast wie Gerüchte von Untaten, die da entkamen
Über die Grenzen. Jeder von uns
Der mit zerrissenen Schuhn durch die Menge geht
Zeugt von der Schande, die jetzt unser Land befleckt.
Aber keiner von uns
Wird hier bleiben. Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.

By Marlene Dumas
By Marlene Dumas

At present there is much discussion over emigration/immigration and this rather beautiful poem was written by Brecht upon his partial escape from the Nazis in 1937 into Denmark. He states that, he always finds the name emigrant a false term as it is not through free will that he is forced to escape but for survival. This might remind us too that many journeys are made out of necessity; choice does not come into the matter. “Vertriebene sind wir”- we are in fact expelled! In such a state, people are innocent and eager to ask each new arrival across the border and question each new arrival coming across the border. The overbearing silence of an authoritarian regime does not hide, “Wir hören die Schreie” the cries of pain from the lost homeland. As we pass dressed in rags and  tatters through the crowds, testifies to the disgrace that stains our land right now. However, it appears that the poem ends with hope- “Das letzte Wort
Ist noch nicht gesprochen.” -the last word is yet to be spoken. Tyranny will be defeated.

The poem is thoroughly and clearly analysed  in German –

Weitere Informationen, Links und Buchtipps findet Ihr auf unserem Blog:
http://deutschstundeonline.blogspot.com/

 

Erinnerung an die Marie A. (Berthold Brecht)

b

 

 

 

 

 

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei.
Die Plaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst.
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: ich küßte sie dereinst.

Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Autor: Berthold Brecht
Titel: Gedichte 1918-1929
Verlag: Suhrkamp, Frankfurt, 1960

b2

This poem has been translated by the well-known poet, by Derek Mahon, where at http://en.wikipedia.org/wiki/Derek_Mahon it is mentioned that he is interested in established verse forms and ekphrasis:(the poetic interpretation of visual art). Here is his version of Brecht which can be found in that excellent collection, The Faber Book of 20th Century German Poems edited by Michael Hoffmann.

b1

 

 

 

 

 

 

A Cloud

One evening in the blue month of September

We lay at peace beneath an apple bough:

I took her in my arms, my gentle lover,

And held her closely like a dream come true-

While far up in the tranquil summer heaven

There was a cloud, I saw it high and clear.

It was so white and so immense above us

And, as I watched, it was no longer there.

 

Since then so very many different evenings

Have drifted past in the general flow.

Perhaps the apple orchard has been flattened;

And if you ask me where the girl is now

I have to admit I really don’t remember.

I can imagine what you’re going to say

But even her face I truly can’t recapture

I only know I kissed it there that day.

 

Even the kiss I would have long forgotten

If that cloud had not been there too-

I see it and will always see it plainly,

So white and unexpected in the blue.

Perhaps the apple-boughs are back in blossom,

Maybe she holds a fourth child on her knees;

The cloud, though, hung there for a moment only

And, as I watched, it broke up in the breeze.

b3

 

 

 

 

 

 

Another Brecht Love PoemIch will mit dem gehen, den ich liebeIch will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.
I want to go with the one I loveI want to go with the one I love.
I do not want to calculate the cost.
I do not want to think about whether it’s good.
I do not want to know whether he loves me.
I want to go with whom I love.